Für daheim: Predigt 17.5.2020

© Barbara Lazar, Graz-Kreuzkirche

 

Wochenspruch

Gelobt sie Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet.

 

Ihr Lieben!

Normalerweise schicke ich Euch eine ausgearbeitete Andacht – da es aber schon Abend ist und ich momentan mit zunehmender Arbeit für Schule und Matura, und mit Rückenschmerzen etwas eingeschränkt bin, erlaube ich mir, Euch heute zumindest eine Predigt zum heutigen Lesungstext zukommen zu lassen. Ich hoffe, sie dient Euch wenigstens ein bisschen als „Abendandacht“. Über die Weiterführung der Andachten wird in dieser Woche entschieden. Für heute, wenn auch anders als sonst, herzliche Grüße,

 

Eure Barbara Lazar

 

Predigt über 2. Mose,32,7-14

@ Barbara Lazar, 17.5.2020

 

7 Der HERR sprach aber zu Mose: Geh, steig hinab; denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt. 8 Sie sind schnell von dem Wege gewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben's angebetet und ihm geopfert und gesagt: Dies sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägyptenland geführt haben. 9 Und der HERR sprach zu Mose: Ich habe dies Volk gesehen. Und siehe, es ist ein halsstarriges Volk. 10 Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie verzehre; dafür will ich dich zum großen Volk machen. 11 Mose wollte den HERRN, seinen Gott, besänftigen und sprach: Ach, HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast? 12 Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem glühenden Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst. 13 Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig. 14 Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk angedroht hatte.

 

Ihr Lieben!

Es ist eine wahrlich dramatische Szene, die wir da heute zu hören bekommen. Eine Situation, in der Gott sich so zornig zeigt wieselten. Und in der Moses andererseits alles auf eine Karte setzt – und Gott doch umstimmt. Warum ist es so weit gekommen? Gott hat sich in der Vergangenheit in vielfacher Weise als treuer und fürsorglicher Gott erwiesen. Er erhört die Klage des Volkes in Ägypten, er beruft Mose zum Anführer um das Volk in die Freiheit zu führen. Der Weg in die Freiheit gelingt – und auch, wenn der Weg durch die Wüste kein leichter ist: Das Volk hat die Verheißung des versprochenen Landes vor Augen, und es erfährt auch hier die tägliche Fürsorge Gottes. Und nun ist Moses auf den Gottesberg gestiegen, um von Gott die Gebote zu empfangen, die dieses Leben in Freiheit sichern und regeln sollen. Doch die Erinnerung an Gottes frühere Taten und zukünftige Verheißungen ist schnell vergessen. Ein Goldenes Kalb wird gegossen, und weil Mose nicht sofort zurückkommt, wird Gott durch ein goldenes Abbild ersetzt. Ein so schweres Vergehen, dass Gott sogar an die Vernichtung seines geliebten Volkes denkt.

Liebe Gemeinde, wie gehen wir damit um, wenn wir vom Zorn Gottes hören – wenn der „liebe Gott“ zornig ist? Können wir das denken? Viele Opferkulte in den Religionen der Welt wollen genau das verhindern: Dass Gott, der stärker ist als sie, sich als zornig erweist. Aber das Volk hat ihn selbst verschuldet - sogar regelrecht herausgefordert! Und doch ist Zorn nicht Zorn. Der hier geäußerte Zorn Gottes ist nicht der Zorn eines grausamen unberechenbaren himmlischen Tyrannen. Ganz im Gegenteil: Es ist ein Zorn, der aus leidenschaftlicher, tief enttäuschter Liebe kommt. Ein Zorn, an dem Gott nicht festhält, sondern von dem er bereit ist, abzurücken. Denn auch in seinem Zorn, ist er bereit ist, der Fürbitte und den Argumenten Moses zuzuhören - und sie zu er-hören. Mose weiß um den Ernst der Lage; aber er vertraut Gott; denn er hat ihn in so viele Situationen anders erfahren und kennen gelernt: In seiner Berufung im Dornbusch und in seiner Liebe und Barmherzigkeit mit dem unterdrückten Volk; in seinem machtvollen Handeln in Ägypten und in seiner treuen Fürsorge nach ihrer Befreiung. Mose hat es erfahren und er vertraut weiterhin darauf, dass Gott ein Gott ist, der erhört; bei dem Gebet nicht auf taube Ohren stößt. Und er ist mit diesem Vertrauen nicht allein. In der Lesung haben wir vorhin gehört, dass Gott bereit war, auch Abrahams Fürbitte für Sodom und Gomorrha zu erhören.

Und im Unterschied zum Volk stützt Mose sein Vertrauen auch auf Gottes früher getätigte Zusagen und Verheißungen. Und deshalb wagt er nun Kühnes. Auch wenn er weiß, dass Gottes Zorn sehr wohl gerechtfertigt und verständlich ist – beginnt er mit ihm zu reden; ja, regelrecht zu argumentieren. Er fleht Gott nicht nur um Gnade an, er geht noch sehr viel weiter: Eindrücklich hält er ihm vor Augen, was Gott damit tun würde. Er hätte Israel ganz umsonst mit so viel Einsatz aus Ägypten befreit, die Ägypter würden von Gott ein ganz falsches Bild bekommen - und er erinnert ihn an seine Zusagen und Verheißungen an Israels Stammväter, denen ewige Nachkommenschaft versprochen hat. Moses mahnt bei Gott regelrecht ein, sich selber treu zu sein. Und das Wunderbare, das Erhoffte tritt ein: Gott weist Mose nicht als unverfroren zurück. Er erhört Moses kühnes und eindringliches Reden. Und er findet im Hören auf Mose zurück zu seiner weiterhin vorhandenen Liebe zu seinem Volk. Es bereut es sogar, dass er die Vernichtung des Volkes im Sinn gehabt hatte.

Wie geht es uns, wenn wir uns in die Lage dieser beiden leidenschaftlichen Gesprächspartner hineinversetzen? Ich denke einerseits, dass auch wir Erfahrungen mit größeren und kleineren Enttäuschungen kennen. Manche Enttäuschungen tun tatsächlich so weh, dass sich in uns regelrechte Rachephantasien breit machen – und es braucht gutes Zureden durch andere Menschen, die uns helfen von diesen Rachegelüsten Abstand zu nehmen. Wenn wir ehrlich sind, können wir auf niemanden so böse sein, wie auf Menschen, die wir aus ganzem Herzen lieben. Denn ihnen gegenüber sind wir am offensten und auch am verwundbarsten; sie können uns am tiefsten treffen. Ich glaube, fast alle Eltern, können das nachempfinden. Denn auch, wenn sie ihre Kinder unendlich lieben, können, diese sie manchmal bis zur Weißglut bringen oder auch tief treffen. Auch die liebendsten Eltern können ihre Kinder, zumindest in Gedanken, gelegentlich bis auf den Mond schießen. Das heißt nicht, dass sie sie in diesem Moment nicht mehr lieben – sondern, dass für diesen Moment die Grenze dessen, was wir ertragen können, überschritten ist. Auch wir lassen im verletzten Zustand unsere Wut heraus, brüllen vielleicht einmal ordentlich. Oder wir hängen uns ans Telefon - und brauchen jemanden, der uns zuhört und uns beruhigt. Wenn wir Gottes Zorn aus dieser Perspektive heraus verstehen, dann ist er nicht in erster Linie zu fürchten: Sondern dann offenbart er uns eine ganz kostbare Erkenntnis über Gott. Denn Gott zeigt sich hier nicht von seiner oft so herausgestrichenen „allmächtigen“ Seite – sondern in seiner Verwundbarkeit, in seiner leidenschaftlichen Liebe; darin, wie tief er für seine geliebte Schöpfung empfindet: Gott offenbart sich Mose hier in seinem Leiden an uns Menschen, im Leiden an unserem Kreisen um uns selbst; an unserer Beziehungslosigkeit, an unserem schnellen Vergessen all der Dinge, die Gott für uns bereits getan hat. In seiner enttäuschten Sehnsucht nach einer Erwiderung seiner Liebe zu uns. Gott macht sich uns gegenüber angreifbar und verwundbar, und das ist kein Zeichen von Schwäche – sondern von Liebe. Dass diese Liebe durch seinen Zorn nicht erstickt wurde, zeigt sich in seiner Bereitschaft auf Mose zu hören und an dieser Liebefestzuhalten. Einer Liebe, die auch Jesus am Kreuz anspricht, als er betet: Vater, vergib ihnen – denn sie wissen nicht, was sie tun. Und indem Jesus uns das Vaterunser als das Gebet schlechthin beibringt, eröffnet er uns einen dauerhaften Zugang zu dieser verzeihender Liebe Gottes. Denn im Vertrauen auf Erhörung dürfen wir beten: Und vergib uns unsere Schuld.

Liebe Gemeinde, die Art, wie Mose hier mit Gott redet und wie Gott auf Moses hört, sagt uns überhaupt etwas ganz Wesentliches darüber, wie auch wir beten dürfen. Denn in diesem Beten, das von flehentlichen Bitten bis zum aktiven Fordern und Gott an seine Zusagen Erinnern reicht, liegt eine große innere Freiheit. Es ist gut und wichtig, wenn wir Gott loben und ihm danken. Aber danach ist uns nicht in allen Lebenssituationen zumute. Genauso wie wir uns im Laufe eines Gottesdienstes in unterschiedlichen Gebeten an Gott wenden: In Lobpsalmen, Klagepsalmen, Schuldbekenntnis, Danke, Bitte, Fürbitte und im Vaterunser – genauso können wir uns auch im Alltag mit allem an Gott wenden: Das zeigen uns auch die Psalmen ganz deutlich. Denn auch die Psalmbeter kommen mit der gesamten Bandbreite unserer menschlichen Emotionen zu Gott: Freudig, dankbar, feiernd, aber auch angefochten, fluchend, klagend und beladen. Auch wir dürfen, wenn wir es brauchen, mit Gott ringen, mit ihm streiten, und erlittenes und empfundenes Unrecht klagen, wenn wir in Lebensumständen stecken, die wir nicht verstehen. Denn so lange wir uns an Gott wenden, lassen wir ihn nicht los. Solange wir Gott noch so empört bestürmen, trägt uns die Hoffnung und das Vertrauen, dass Gott uns hört und zu seinen Zusagen steht. Niemand ist hier weitergegangen als Hiob. Jener Mann, der Gott in seinem Leid sogar vor sich selbst angeklagt hat und zu einer Reaktion herausgefordert hat: Der Allmächtige gebe mir Antwort! Auch Jesus hat am Kreuz unter der Last des Erlittenen, aufgeschrien: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Und doch hat er noch zu dem Vertrauen zurückgefunden, das ihm ermöglichte zu sagen: Vater, in Deine Hände lege ich meinen Geist.

Wenn wir trotz mancher Zweifel, die uns manchmal auch plagen, letztlich darauf hoffen und vertrauen, dass das alles vor Gott Platz hat und dass Gott das hört und erhört - nur dann brauchen wir keine Ersatzgötter. Nur wenn wir damit rechnen, dass wir letztlich von Gott getragen werden, haben wir es nicht „not-wendig“, nach falschen Sicherheiten zu suchen, die dann viel zu kurz greifen. Natürlich kann unser Verhalten Gott auch traurig oder zornig machen. Aber er bleibt ein Gott, der an seiner Treue und seiner Zuwendung zu uns für immer festhält – und sich, so wie durch Mose – sogar daran erinnern lässt. So, wie wir es auch bei Jesaja lesen: Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zornes ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der Herr, dein Erlöser. Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer. Amen.